Trojas törichtes Vertrauen auf hohle Geschenke

oder

Tod durch Dummheit

„Geschwächt durch den Krieg und zurückgeworfen durch die im Verlaufe so vieler Jahre erlittenen Niederlagen, liessen die Anführer der Danaer mit Hilfe der göttlichen Kunst der Pallas ein Pferd bauen, so groß, wie ein Berg und verkleideten dessen Rippen mit Brettern aus Tannenholz. In einem von ihnen verbreiteten Gerücht gaben sie vor, es handele sich dabei um ein den Göttern geweihtes Geschenk zu ihrer glücklichen Heimkehr. Jedoch schlossen sie hier, in die finstere Flanke des Pferdes hinein, nach heimlichem Los ausersehene Heldenkrieger und füllten die ungeheuren Hohlräume seines Bauches bis in den letzten Winkel mit bewaffneten Soldaten.

Da, in Blickweite von Troja liegt Tenedos, eine wegen ihres Rufes an Schätzen reich zu sein überall bekannte Insel – jedenfalls solange des Priamos‘ Reich noch Bestand hatte – aber ihre jetzige Bedeutung ist die eines wenig zuverlässigen Ankerplatzes für Schiffe; dorthin also waren sie gefahren und verbargen sich hinter dem verlassenen Strand; wir aber hatten geglaubt, sie seien endgültig abgezogen, um mit günstigem Wind nach Mykene zurückzusegeln.

Daher löste sich Troja von langer Furcht.

So öffneten sich die Tore, und es freute uns hinauszugehen und endlich das dorische Lager sowie die aufgegeben Stellungen zu sehen und den verlassenen Strand: hier lagerte dereinst die Schar der Doloper, auch der grimmige Achilles, hier war der Landeplatz für die Flotten, hier kämpften sie in geordneter Schlachtreihe – nun aber begaffte das unwissende Volk das verderbenbringende „Geschenk für die Jungfrau Minerva“, und bestaunte den Riesenbau des Pferdes.

Sei es aus Arglist, sei es zur endgültigen Schicksalswende Trojas, forderte Thymoetes als erster das Volk dazu auf, es innerhalb Trojas Mauern zu ziehen und in der Burg zu präsentieren. 

Doch Capys und jene, deren Sinn besserer Einsicht war, wollten das Geschenk der Danaer als verdächtiges Trugwerk ins Meer werfen oder mit darunter gelegten Flammen verbrennen oder die hohlen Verstecke des Bauches durchbohren und auf diese Weise durchforschen.

Das unschlüssige Volk spaltete sich in einander widerstreitende Lager.

Aufs äusserste erregt eilte als erster der Widerstrebenden Laokon von einer großen Schar seiner Anhänger begleitet, vom höchsten Teil der Burg herab, schon von weitem rufend:

„O ihr bedauernswerten Bürger, welch großer Wahnsinn ist das? Glaubt ihr, daß die Feinde schon weggefahren sind? Oder glaubt ihr, daß irgendein Geschenk der Danaer frei sei von List? Von dieser Art ist euch sicher auch Odysseus bekannt! Entweder verstecken sich die Achaeer in diesem Holz eingeschlossen oder es ist ein Werkzeug welches gegen unsere Stadt hergestellt wurde, um in unsere Häuser hineinzuschauen und um von oben her über unsere Stadt herzufallen, oder es verbirgt sich darin sonst irgendeine Täuschung. Vertraut dem Pferd nicht, ihr Teukrer! Was auch immer es ist, ich fürchte die Griechen, gerade, wenn sie Geschenke bringen!“

Indem er also sprach, schleuderte er mit voller Wucht einen riesigen Speer in die Seite des runden Bauches des Ungeheuers. Zitternd blieb dieser stecken und die Hohlräume dröhnten, derweil sie ein merkwürdiges Stöhnen und Ächzen von sich gaben, wohl, weil der Bauch derart erschüttert worden war, aber, wenn nach göttlichem Beschluß unser Denken nicht auf solche Weise verkehrt worden wäre, hätte er uns tatsächlich dazu gebracht, das feindliche Versteck vollständig mit dem Schwert zu durchstechen und Troja würde noch heute stehen und du, hohe Burg des Priamos, hättest noch heute Bestand.“

Deutsche Übersetzung eines Exzerpts aus Aeneas: „Das trojanische Pferd“, Kapitel 2,1 – 2,56

PH – 2017-01-23


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Dieser Artikel wurde veröffentlicht am 23. Januar 2017 auf www.INTRINSIS.de unter http://intrinsis.de/2017/01/26/trojas-toerichtes-vertrauen-auf-hohle-geschenke/

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