Dompteur der Old-School-Economics

Kurz vor Weihnachten des Jahres 2019 erhielt ich zum Zweck der Vorbereitung auf eine Klausur eine Linkliste zu aktuellen News aus Politik und Wirtschaft, einschlägiger Literatur sowie Podcasts und YT-Videos. Mit Prüfungen ist das immer so eine Sache, denn angesichts der Fülle des empfohlenen Studienmaterials muss zwangsläufig eine Auswahl im Hinblick auf einen roten Faden vorgenommen werden. Also sortierte ich die Liste nach Schwerpunkten. Schliesslich erkannte ich, dass es einmal mehr um das Thema EZB ging, mithin Zentralbanken, mithin das private Ausleihen von „Schuldscheinen“ seitens der Druckmaschineneigentümer an die Staaten der Welt zu durchschaubaren Zwecken. Da dieses Thema hier in der Provinz unter meinem Stein niemanden interessiert, war ich auf mich alleine gestellt mit dem Problem, welche spezifischen Fragen wohl in der Klausur gestellt werden könnten. Ausserdem interessierte mich, welche „Moral“ von der mir bisher bekannten Volkswirtschaftsgeschichte übrigbleiben könnte…

…und stiess dabei auf Unerwartetes. Das kam so:

Auf der Suche nach in professoralen Ohren möglichst gescheit klingenden Antworten bin ich zunächst meinem Lieblingsvorurteil aufgesessen, dass nämlich überhaupt gar keine Moral übrig bleiben könne, denn was auch immer Supermario bis zu seinem Abgang in dem von ihm so schön handsignierten Edelpapier geraucht hat, er war im Fernsehen immer so beneidenswert cool, weshalb ich mich dann aber fragen musste, wieso er das eigentlich immer sein konnte?

Am 26. Juli 2012 trat Mario Draghi vor die in London versammelte und aus bekannten Gründen zitternde Finanzwelt mit einer Rede, die kürzer als üblich war. Zunächst versprach er, dass es „auf Dauer eine Fiskalunion, eine Finanzunion, eine wirtschaftliche Union und eine politische Union in der Eurozone geben werde, was die Pleite einzelner Staaten unmöglich machen würde“ [1].

Aber das war nicht wirklich neu.

Neu war, dass er den Euro als „unumkehrbar“ bezeichnete. Er sagte, dass das „politische“ Kapital, das in den Euro investiert worden sei, einfach zu groß sei, als dass ihn die „politischen“ Entscheidungsträger wieder kollabieren lassen würden.

Hier musste ich innehalten. Dieser Satz entpuppte sich bei genauerem Hinsehen als phänomenale Nebelkerze, denn gerade „politisches“ (Human-) „Kapital“ wurde  (z.B. in Deutschland 1945, in Argentinien 1955, in Amerika 1963, in Griechenland 1967, in Libyen 2011) bedarfsweise nach Belieben in den Orkus der Geschichte gekickt.

Mario Draghi hat in dieser Rede zum damals brennenden Thema Bankenrettung zwei Dinge völlig ohne Verwendung des Konjunktivs kommuniziert:
1. Ihr Politiker werdet kuschen und
2. allen andern geschieht nichts!

Ich übersetze demzufolge den obigen Satz in die Sprache der Banker wie folgt: „Das Kapital, das in den Euro investiert worden ist, ist einfach zu groß, als dass ihn die wahren Entscheidungsträger ihn wieder kollabieren lassen!“

Abschliessend signalisierte Herr Draghi zur Freude der Finanzwelt, dass die EZB alles in ihrer Macht Stehende tun würde, um einen Kollaps zu verhindern. Wörtlich sagte er: „Im Rahmen unseres Mandats ist die EZB bereit, alles zu tun, was notwendig ist, um den Euro zu erhalten. Und glauben Sie mir, es wird genug sein!“[1]

„Und glauben Sie mir, es wird genug sein!“

…da ist er, dieser Wahnsinnssatz, der mich auf die Spur brachte, und der mein Rating für Supermario auf Triple-A hochschnellen liess. Damit dieser Aufsatz nicht zu langatmig ausfällt, nähere ich mich zügig abschliessend jenem Stoff, aus dem der mittelalterlich feuchte Traum der Alchemisten bestand: Gold, und immer wieder Gold und zwar nach Belieben produzierbar bis zum St. Nimmerleinstag: infolge dieser Intention wähne ich das im Grunde offene Geheimnis dieses genialen EZ-Bankers herausgefunden zu haben wie folgt:

An welches Geld auch immer die Menschen glauben, das werden sie auch lieben, und solange sie es lieben, kann es wirklich und real und gefahrlos nach Belieben produziert werden ohne irgendwelche Menetekel der zweifellos erfahrenen aber armen Old-School-Economics fürchten zu müssen: ja, ich meine den Euro, wobei sowohl die Stellen vor, als auch jene nach dem Komma im Grunde beliebig und unendlich erweiterbar sind, will meinen, es kann Supermario und seinen Lehrlingen gleichgültig sein, wieviel Anleihen und noch mehr Geld und noch viel mehr Geld benötigt wird um egal wessen Fell zu retten, d.h. der Euro wird auf jeden Fall massenweise gedruckt werden, und solange die Politik brav übers Stöckchen springt, können die Interessen der paar globalen Druckmaschineneigentümer nicht angetastet werden!

Wer hätte das gedacht, dass die White Anglo Saxon Protestants und ihre Paten schon ganz zu Beginn ihrer Sammlungsbewegung mit ihrem Schlachtruf wider das Naturrecht [2] und die Kirche mithilfe des von Luther angestossenen Drucktechnik-Hypes zur quasi-alchemistischen [3] Druckhoheit eines „Goldes der Zukunft“ gelangen würden, welches im Grunde nur aus Farbe, Holz und Wasser besteht. Für die währungsökonomisch erforderliche Knappheit – sozusagen als „Feigenblatt“, um nicht vor den Old-School-Economics entblösst dazustehen – sorgen u.a. der militärisch-industrielle Komplex und der Staat, der das Volk auf Spur hält mit geeigneten Massnahmen. Und es geht noch weiter, denn es verhält sich mit der „Alchemie“ [3] neuerdings noch einfacher als gedacht, aber das würde den Rahmen dieses Sermons sprengen.

Aber machte dies „sub specie aeternitatis“ auch Sinn? Ich glaube ja, denn alle aristotelisch-thomistisch gefundene Sekundärmaterie gehört Gott, der die Macht verleiht, wem Er will. Schliesslich ist Er in Seiner Eigenschaft als Verursacher aller Primärmaterie der Eigentümer, und der Staat ist Sein Treuhänder über jene Kohle mit der die Besitztümer der Nutzniesser möglichst beheizt aber nicht verheizt werden sollten, und die Ecclesia ist Treuhänder zur Verwaltung Seiner geistigen Schätze der Ewigkeit, welche in die Dauer zur Durchsetzung der Rechte Gottes, des Dekalogs und des Naturrechts – ius naturae – [2] existieren!

Tja, was soll ich sagen, …jetzt ist der Dompteur der Old-School-Economics im Ruhestand und Europa und die EU [4] suchen beide nach dem Stein der Weisen, jeweils, wie immer an der falschen Stelle, so dass es niemandem auffallen wird, wenn einst, im Jahre 2025, nach seiner löblichen Präsidentschaftskarriere Zar Wladimir von orthodoxen Gnaden das eurasische Kaiserreich von Lissabon bis Vladivostok ausruft. Dann dürfen die Staaten der deutschen Föderation womöglich wieder offen darüber reden, wie sie ihren geistigen Niedergang, den sie den vergangenen, mannigfaltigen amerikanischen „Nannydiensten“ zu verdanken haben, aufhalten wollen.

Paul Michael Heliosch

[1] Mario Draghi’s famous speech on July 26, 2012 at UKTI’s Global Investment Conference over the ‚irreversibility‘ of the euro and ECB’s preparedness to do ‚whatever it takes‚ to preserve on YT: (EN) „Und glauben Sie mir, es wird genug sein!“ https://www.youtube.com/watch?v=hMBI50FXDps

[2] „Rechtspositivismus vs. Naturrecht“, Artikel auf INTRINSIS.de 》 https://intrinsis.de/2017/02/16/rechtspositivismus-vs-naturrecht/

[3] Vgl. Glossar „Alchemistische Geldvermehrung

[4] EU: gemeint ist die „EU“ in ihrer Eigenschaft als sich aus der „EWG“ entwickelt habende ökonomische Steuerungsregion im Unterschied zur Domäne der „Universität Europa“ | vgl. Artikel „Rooting Europe“ 》https://intrinsis.de/rooting-europe/ | vgl. Glossar „Europa


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Dieser Artikel wurde erstmals veröffentlicht am 22. Januar 2020 auf www.INTRINSIS.de unter https://intrinsis.de/2020/01/22/dompteur-der-old-school-economics/

PH – 2019-11-02 – 2020-02-10

(c) INTRINSIS.de – PH.TXT.Dompteur-der-Old-School-Economics_D – 202002191659cci


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