Der Grammatische Gottesbeweis

Beweis für die Existenz Gottes aus der Grammatik, genauer aus dem sog. futurum exactum von Robert Spaemann.

«Ich fürchte, wir werden Gott nicht los, weil wir noch an die Grammatik glauben.» Nietzsche

„…Ich möchte das, was ich meine an einer Beweisführung verdeutlichen, die sozusagen nietzsche-resistent ist, und zwar an einem Beweis für die Existenz Gottes aus der Grammatik, genauer aus dem sog. Futurum exactum. Das futurum exactum, das 2. Futur ist für uns denknotwendig mit dem Präsens, der Gegenwart verbunden. Von etwas sagen, es sei jetzt gegenwärtig, ist gleichbedeutend damit, zu sagen, es sei in Zukunft gewesen. In diesem Sinne ist jede Wahrheit ewig. Dass Sie diesen Text gerade gelesen haben, war nicht nur gerade eben wahr, sondern ist immer wahr. Wenn wir beide hic et nunc, „jetzt und hier“ sind, werden wir morgen „jetzt und hier“ gewesen sein. Das Gegenwärtige bleibt somit immer wirklich als Vergangenheit des künftig Gegenwärtigen und zwar in den Spuren, die die Wirklichkeit durch ihre kausale Einwirkung hinterlässt. Diese Spuren werden schwächer und schwächer, aber sie bleiben in Ewigkeit als das, was die Einwirkung hinterlassen hat, als das, was es selbst erinnert wird. Solange Vergangenes erinnert wird, ist es nicht schwer, die Frage nach seiner Seinsart zu beantworten. Es hat seine Wirklichkeit im Erinnertwerden.  Aber hörte die Erinnerung irgendwann auf, würde es keine Menschen mehr auf der Erde geben und somit verschwände die Erde selbst. Da zur Vergangenheit immer eine Gegenwart gehört, deren Vergangenheit sie ist, müssten wir also sagen „Mit der bewussten Gegenwart – und Gegenwart ist immer nur als bewusste – verschwindet auch die Vergangenheit, und das Futurum exactum verliert seinen Sinn.“ Aber genau dies können wir nicht denken. Der Satz «In ferner Zukunft wird es nicht mehr wahr sein, dass Sie gerade diesen Text gelesen haben» ist Unsinn, denn er lässt sich nicht ins Jetzt vergegenwärtigen. Wenn wir einmal nicht mehr hier gewesen sein werden, dann sind wir tatsächlich auch jetzt nicht wirklich hier, wie es der Buddhismus denn auch konsequenterweise behauptet. Wenn gegenwärtige Wirklichkeit einmal nicht mehr gewesen sein wird, dann ist sie auch jetzt gar nicht existent. Wird also das Futurum exactum beseitigt, dann ist das Präsens nicht existent. Diese Wirklichkeit des Vergangenen ist dieses ewige Wahrsein im Bewusstsein. Diese Wahrheit im Bewusstsein ist von der Art in dem alles, was geschieht, aufgehoben ist – sie ist also absolutes Bewusstsein, denn kein Wort wird einmal ungesprochen sein, kein Schmerz unerlitten, keine Freude unerlebt. Geschehenes kann zwar verziehen, aber es kann nicht ungeschehen gemacht werden. Wenn es Wirklichkeit gibt, dann ist das Futurum exactum unausweichlich und mit ihm das Postulat des wirklichen Gottes. «Ich fürchte», so schrieb Nietzsche, «wir werden Gott nicht los, weil wir noch an die Grammatik glauben». Aber wir können nicht umhin, an die Grammatik zu glauben. Auch Nietzsche konnte nur schreiben, was er schrieb, weil er das, was er sagen wollte, der Grammatik anvertraute. …“

Redigiertes Exzerpt aus dem Originaltext des Vortrags von Prof. Dr. Robert Spaemann, gehalten am 6.12.2004 an der Hochschule für Philosophie in München unter dem Titel „Rationalität und Gottesglaube“


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Dieser Artikel wurde veröffentlicht am 5. September 2016 auf www.INTRINSIS.de unter https://intrinsis.de/2020/02/12/der-grammatische-gottesbeweis/

PH – 2020-01-31 – 2020-02-01

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