Häresie Sola Gratia

oder

Über die Vermessenheit willkürlich [1] – zum Beispiel durch Drohnenmorde – über Leben und Tod zu entscheiden in der infantilen Vorwegnahme von etwas Ersehntem, begünstigt durch die protestantische Häresie der einzig auf das Verdienst Christi schauenden, absoluten Heilsgewißheit „Sola Gratia„.

„… Die »Infantilität« der Vermessenheit liegt darin, daß die Erfüllung (Anm.: eines sehnlichen Wunsches) seinswidrig vorweggenommen wird. Das hoffende Sich-Spannen löst und entläßt sich, noch mitten auf dem »Wege«, in die ruhende Sicherheit des Habens, weil das in Wirklichkeit noch zukünftige und »steile« Ziel dem Menschen als schon erreicht erscheint.

Die Vermessenheit ist im übrigen der Hoffnung in geringerem Maße entgegen als die Verzweiflung. Diese ist das eigentliche Gegenbild der Hoffnung, jene ist ihre falsa similitudo, ihre unechte Nachbildung. Ebenso hat ja auch die Infantilität eine falsche, »imitierende« Ähnlichkeit mit echtem Jungsein, während die Vergreisung sein eigentliches Gegenteil ist. Die Vermessenheit, die der theologischen Tugend der Hoffnung entgegengesetzt ist, ist eine verkehrte Haltung des Menschen gegenüber der Tatsache, daß das Ewige Leben das Sinn-Ziel unseres irdischen »Weges« ist.

Nicht also ist hier von jener anderen Vermessenheit die Rede, die sich im Bereich der natürlichen Kräfte und Ziele übernimmt. Thomas hat auch ihr in seiner Summa – über hundert Quästionen entfernt von der Stelle, an der wir uns jetzt befinden – zwei Artikel gewidmet. Die Vermessenheit ist jene Geisteshaltung, die der Realität der Zukünftigkeit und »Steilheit« des Ewigen Lebens widerstreitet. Diese beiden Merkmale – Zukünftigkeit und »Steilheit« – konstituieren, zugleich mit dem Merkmal der Realisierbarkeit, das formale Wesen des Erhofften als Erhofften.

Wenn eines dieser Merkmale nicht gesehen wird oder verschwindet, dann ist auch Hoffnung nicht mehr möglich. Die Vermessenheit also entwirklicht die übernatürliche Hoffnung, indem sie verkennt und nicht anerkennt, daß das irdische Dasein des status viatoris im präzisen und eigentlichen Sinn der »Weg« zur endgültigen Erfüllung ist; indem sie das Ewige Leben als etwas »im Grunde« schon Erreichtes, als etwas »im Prinzip« bereits Gegebenes ansieht. Das Wirklichkeitswidrige dieser Vorwegnahme bringen die deutschen Worte »Ver-messenheit«, »sich ver-messen« besonders klar zum Ausdruck. Der Mitklang des »Titanischen« und des »Himmelstürmenden« aber, der in diesen Worten mitschwingt, kann anderseits leicht die Sicht auf den wahren Seinskern der Vermessenheit, als einer Sünde wider die Hoffnung, verbauen und zudecken.

Kern und Wesen der Vermessenheit nämlich ist, wie Augustinus sagt, die perversa securitas, die Selbsttäuschung seinswidriger Sicherheit. In dem scheinbar »Übermenschlichen« der Vorwegnahme der Erfüllung ist also letztlich nichts anderes wirksam als das Nachgeben an die nicht gerade »heroische«, wenn auch keineswegs verächtliche, Schwerkraft des menschlichen Sicherheitsbedürfnisses. In der Sünde der Vermessenheit überschlägt sich der kreatürliche Sicherungswille, indem er die Grenze des Wirklichkeitsgemäßen überschreitet. Es ist wichtig, dies Eigentliche der Vermessenheit im Blick zu behalten.

In doppelter Grundgestalt kann Vermessenheit sich verwirklichen, je nach den beiden einander entgegengesetzten Scheingründen, aus denen sie ihre ungemäße Selbstberuhigung herleitet. Die erste Form, von der Theologie »pelagianische« [2] Vermessenheit genannt, ist bezeichnet durch die mehr oder weniger ausdrückliche These: es genüge die Eigenkraft der menschlichen Natur, das Ewige Leben und die Vergebung der Sünden zu erringen. Ihr zugeordnet ist der dem eigentlich Dogmatischen ebenso wie der sakramentlichen Wirklichkeit der Kirche verständnislos abgeneigte, typisch liberal-bürgerliche Moralismus: ein »anständiger« und »ordentlicher« Mensch, der »seine Pflicht tue«, werde – einzig auf Grund seiner persönlichen sittlichen »Leistung« – auch »vor Gott bestehen«.

Zwischen dieser ersten Grundform der Vermessenheit und der zweiten liegt jene pseudoreligiöse Geschäftigkeit, die aus tausend »Übungen« sich einen absolut gültigen, sozusagen gegen Gott selbst vertretbaren Rechtsanspruch auf das Himmelreich konstruieren zu können meint.

Die zweite Form der Vermessenheit, bei welcher jedoch der Grundcharakter der vorwegnehmenden Sicherung nicht so am Tage liegt, gründet in der Häresie von der Alleinwirksamkeit des erlösenden und begnadenden Gottes. Durch die Lehre von der einzig auf das Verdienst Christi schauenden, absoluten Heilsgewißheit zerstört diese Häresie den echten Wegcharakter der christlichen Existenz, indem sie den einzelnen Christen der Tatsache des »eigentlich« schon erreichten Zieles für sich selbst ebenso unbedingt gewiß sein läßt wie der Offenbarungstatsache der Erlösung insgesamt. Es ist schon oft bemerkt worden, wie nah – logisch und psychologisch – diese zweite Grundform der Vermessenheit an die Verzweiflung grenzt und anderseits an die moralische Hemmungslosigkeit jenes »vermessentlichen Vertrauens auf Gottes Barmherzigkeit«, das die Theologie zugleich mit der Verzweiflung zu den »Sünden wider den Heiligen Geist« zählt. Die Vermessenheit wurzelt in einer falschen, vom eigenen Willen bejahten Selbsteinschätzung des Menschen: sie besteht in dem Willen zu einer Sicherheit, die notwendig unecht ist, weil es für sie in Wirklichkeit keinen gültigen Grund gibt. Diese falsche Selbsteinschätzung ist näherhin: Mangel an Demut, Verneinung der realen Geschöpflichkeit und seinswidrige Beanspruchung der Gottähnlichkeit.

Hoffnung setzt nicht nur Hochgemutheit voraus, sondern auch Demut. Augustinus sagt in seinem Psalmen-Kommentar: nur den Demütigen sei es gegeben, zu hoffen. Verzweiflung und Vermessenheit versperren den Zugang zum echten Gebet. Das Gebet nämlich ist – in seiner Ur-Form des Bittgebets – nichts anderes als das Sprechen eines Hoffenden. Der Verzweifelnde bittet nicht, weil er die Nicht-Erfüllung vorwegnimmt. Der Vermessene bittet, weil er die Erfüllung vorwegnimmt, nur scheinbar. Von hier aus fällt ein neues Licht auf den Satz der Heiligen Schrift, »daß man allzeit beten müsse, ohne nachzulassen« (Lk 18, 1): ausgesprochen ist in ihm die immerwährende Notwendigkeit der Hoffnung, die demütig genug ist, wirklich zu bitten, und zugleich hochgemut genug, die Erfüllung mitwirkend zu erwarten.

Die »Antithese« von göttlicher Gerechtigkeit und göttlicher Barmherzigkeit ist in der theologischen Hoffnung sozusagen »aufgehoben«, nicht so sehr »theoretisch« als vielmehr existentiell: die übernatürliche Hoffnung ist die gemäße existentielle Antwort des Menschen auf die Tatsache der Identität dieser, geschöpflich betrachtet, gegensätzlichen »Eigenschaften« Gottes. Wer nur die Gerechtigkeit Gottes im Blick hat, vermag so wenig zu hoffen wie wer einzig seine Barmherzigkeit sieht: beide verfallen der Hoffnungslosigkeit, der eine der Verzweiflung, der andere der Vermessenheit. Die Hoffnung allein wird der alle Gegensätze übergreifenden Wirklichkeit Gottes gerecht, dessen Barmherzigkeit seine Gerechtigkeit und dessen Gerechtigkeit seine Barmherzigkeit ist. Die Vermessenheit aber ist die geringere Sünde, die Verzweiflung die größere: »Wegen seiner unendlichen Gutheit ist es Gott eher eigen, zu schonen und sich zu erbarmen, als zu strafen. Denn jenes kommt ihm zu kraft seines eigenen Wesens, dieses aber erst unserer Sünden wegen.« Mit andern Worten: Die Vorwegnahme der Erfüllung widerspricht der wirklichen Existenz-Situation des Menschen nicht so radikal wie die Vorwegnahme der Nicht-Erfüllung. Die unechte Sicherheit der Vermessenheit ist weniger seinswidrig als die Verzweiflung.

Gleichwohl bleibt bestehen: Die Vermessenheit ist Sünde im eigentlichen und strengen Sinn; ja, sie ist, in ihrer äußersten Verwirklichung, Sünde wider den Heiligen Geist. Jene letzte Existenz-Unsicherheit, deren Wurzel die im status viatoris nicht aufhebbare Möglichkeit des willentlichen Abfalls ist, begleitet unausweichlich das Dasein auch des Heiligen. Sie gehört zum Begriff des Auf-dem-Wege-Seins dazu. Es ist dem »Menschen auf dem Wege« schlechthin unmöglich – und darum ist es auch kein echtes menschliches Ziel –, dieser Unsicherheit zu entgehen in eine absolute Sicherheit. Absolute Sicherheit ist dem homo viator nicht erreichbar, auch nicht »im Prinzip«.

Worauf es ankommt, ist: daß der Mensch sich in der ihm wesenhaft zukommenden existentiellen Unsicherheit als endliches, nicht aus sich selbst seiendes und also nicht sich selbst besitzendes Wesen – das heißt: als Kreatur – versteht und sich in die barmherzige Verfügungsgewalt Gottes begibt.

Die Unsicherheit der menschlichen Existenz kann nicht restlos aufgehoben werden. Aber sie kann »überwunden« werden: durch die Hoffnung [3] und nur durch sie. …“ [4]

Josef Pieper

[1] „Willkür“ berücksichtigt weder die Rechte Gottes im Naturrecht –ius naturae– noch  den Grundsatz der Verhältnismässigkeit, noch die Möglichkeit selbst der Gerechtigkeit mithin der gerechten Strafe zugeführt zu werden, noch die Möglichkeit des Spruchs der Gnade, der dem legitimen Souverän zukommt. Es gilt der Rechtsgrundsatz: Unwissenheit schützt nicht vor Strafe“.

[2] siehe Artikel „Pelagianismus

[3] vgl. Artikel „Das Geschenk Hoffnung

[4] Exzerpt aus Josef Pieper, „Werke in acht Bänden“, Herausgeber Berthold Wald, Band 4, Abschnitt „Über die Hoffnung“, Seite 187 ff | Josef-Pieper_Werke_Band-4.pdf | BACKUP .PDF sig: Nn | ORIG sig: tsmc3ww


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Dieser Artikel wurde erstmals veröffentlicht am 2. März 2020 auf https://intrinsis.de/2020/03/02/haeresie-sola-gratia/

PH – 2020-03-02 – 2020-03-03

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