Gretchens Abschiedsfrage

Eine Abrechnung mit der geballten Faust Goethes

Es könnte einer behaupten, dass Faustens wahrheitsgemässe Beantwortung der Kernfrage des armen Gretchens nicht nur die Tragödie verhindert hätte, sondern auch den Ruhm ihres Erfinders geschmälert.

Man könnte aber auch ein bisschen fideistisch [1] frömmelnd feststellen, dass das konsequente Beachten vernünftiger Einwände wider den Trieb zum Erheischen von Anerkennung – meist missinterpretiert als „Nächstenliebe“ – Gretchens Tragödie in Glück gewandelt hätte.

Drehen und wenden Sie es, wie sie möchten: es kommt nicht darauf an, wie uns der Dämon oder sein willfähriger Vertragspartner in seiner demokratisch [2] getarnten Eigenschaft als agent-provocateur Honig ums Maul schmiert oder – ganz aktuell – gretelsche Klimazöpfe flechtet, oder – noch aktueller – das Setzen von Hohlnadeln androht, sondern es kommt allein auf die persönliche Entscheidung an, nämlich darauf, mit welchen individuell zur Verfügung stehenden Mitteln jeder einzelne seinem unvermeidbaren „Faust“ widersteht und nicht nur „sich müht“, wonach sich nämlich der weitere Verlauf der eigenen Geschichte, der persönlichen, also ich meine der ganz privaten, bemisst. Der Höchste weiss es wohl zu deuten, welche Wertung im „Arbeitszeugnis“ sich hinter der Floskel des „sich Bemühens“ verbirgt und wir sollten es auch wissen.

Wie oft schon sind die in den vergangenen, sozialistisch-kapitalistischen Planspielen [3] gleichgeschalteten Multiplikatoren des Volkes durch Tyrannis‘ Einflüsterung zum Zweck der Verabsolutierung seiner Sicherheit hinter die Fichte geführt worden [4] mit jener Lüge, dass sie sich durch ihre faustischen „Bemühungen“ schon irgendwie in den Himmel hinein retten würden? Und wie verführerisch ist sie doch, jene subtile Rhetorik, die mit den Grundbedürfnissen menschlichen Daseins spielt, zum Beispiel: „WOLLT IHR DIE TOTALE GESUNDHEIT?! „…

…ach, wollten wir doch die Mahnungen [5] und die Wahrheit der Vergangenheit [6] hören!

Für den Moment stelle ich fest: im nächsten Akt braucht er weder Plakate noch Claqueure, sondern nur seinen täglichen Fix in der „Tages-Schau“ und schon jubelt der Demos in lustvoller Vorfreude auf die vom Bajazzo verheissene „Bazooka„. Die ganze demokratisch konditionierte Meute wähnt, es handele sich dabei um ein wohlfeiles „Fresschen“ – welch ein Betrug, und so muss ihren Lefzen der letzte pawlowsche Tropfen schleimerischen Kriechgangs entströmen.

Schon hebt der Zirkusdirektor das Stöckchen ein bisschen höher, aber vor seinem letzten Sprung spüren ihro Merkwürden schon nicht mehr den stechenden Schmerz seines Amtseids auf die imaginäre deutsche Verfassung, denn als Belohnung winkt der ach so heiss begehrte neue Maulkorb, diesmal aber benetzt mit betörendem „Rosenduft“ oder war es von der Kathedra herab mit gutmenschelndem Sozialismus versetztes Opium über „den guten Hirten“ wie unlängst am 3. Mai geschehen vor den bleichen Totenschädeln dreier verschleppter Weisen aus dem Morgenland?…

…egal, – auf jeden Fall dient der Maulkorb selbstverständlich nur als Schutz vor den Beissreflexen der anderen, sagt der Zirkusdirektor. Da kann einem hinter der Maske schon mal das Lachen vergehen, denn auf einmal sieht man den Flur der geschlossenen Anstalt rund um den Globus sich auf Strassen, Plätze und Biergärten ausbreiten: man beeilt sich im staatsdienernden Buckeln und Radfahren maskierter Dienstbeflissener, auf dass das verfilzte Leder nicht von Schwarzkitteln unter Begleitung von Weisskitteln gegerbt werde, sondern vielmehr hinübergerettet ins ewige Beamtenparadies der kierkegaardschen Gänseriche [7].

Dennoch darf gnädigerweise zum Verabreichen des gewohnten allsonntäglichen bon „Bons“ der Maulkorb gelüftet werden – aber bloss nicht zu früh: so gebietet es der miefig den Kirchenraum durchwehende Legalismus, und alle Schafe blöken zustimmend im übergehorsamen Abstand von exakt soundsoviel tausend Millimetern und weiden weiterhin ihre demokratisch gebürsteten Hirten so, als ob nichts geschehen wäre.

Aufgrund der Beobachtung solch irrer Verhaltensweisen, sieht sich der hofnärrische Verfasser dieser Zeilen genötigt, dem sich zwischenzeitlich fragend die Augen reibenden Gretchen die rhetorische Abschiedsfrage in den Mund zu legen:

„Hunde, wollt ihr ewig leben?!“

Die eigentliche Gretchenfrage aber, die der hegelianische Meister aller demokratischen Junggermanisten bis in alle Ewigkeit ins stets willfährig offene Ohr bläst, ist von der schlängelnden Raffinesse jener Frage im Paradeis, ob denn Gott wirklich irgendetwas zu lassen geboten hätte, denn der faustische Begriff „Religion“ kam schliesslich nicht ein einziges mal vor im Buch der Bücher, was aber deswegen so ist, weil die Kirche nicht wie die Politik von „Religion“ als Hebel zur Einhegung von irgendwelchen Fanatikern oder willensschwachen Gretchen kündet, sondern von einem LEBENSPRINZIP, welches – sehr zum Missfallen der Pelagianer aller Zeiten – alles andere als legalistisch ist. Dass sich Duellanten wie Luther oder Goethe gerne selbst von ihrer Exkommunikation erlösen möchten, versteht sich von selbst, allein, sie können es nicht, und so schweben sie in den ihnen zugedachten Sphären unter dem Spottgesang ihrer Geister: „Wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen!“

Dem alten Fuchs Goethe war es im Letzten also nur um den Zweifel zur Diskreditierung der Mutter Kirche zu tun und in der Folge um Spott und Häme, die sich wie linguistische Jauche über sämtliche ihm widerstrebenden Subjekte seiner ewigen Begierde ergiessen. Im faustischen Duktus mag man somit entweder den ganzen Syllabus Errorum [8] und die höllischen Folgen des protestantischen Schlachtrufs „Sola-Gratia!“ erkennen – oder es eben sein lassen.

Dagegen aber bricht sich leise und beständig die rettende Wahrheit [9;10] Bahn, denn tatsächlich: nur mit Ihr vermögen wir alles [11], unser Eigenes tut nichts hinzu [12]!

Im Auftrage Gretchens richtete ich neulich ihre vorletzte, bange Frage an den Autor der göttlichen Komödie: Hoch geschätzter Herr Alighieri, wo bitte verorten SIE Herrn Doktor Faust ab dem Moment seines literarischen Ablebens?“

Die Antwort kam prompt und zwar so, als ob er schon lange darauf gewartet hätte:

„Liebe Margarete, da den Pakt weder er noch sein Vertragspartner widerrufen haben, muss Ihr früherer Peiniger, also jener Akademiker, dessen Nomen fürderhin als ewiges Omen drohend geballt über dem Eingang der Hölle schwebt, zur Strafe ewig von einer mit ‚Fack iu Göthe‘ beschrifteten Säule herab auf die von ihm erfolgreich verführten Germanisten  p i $ $ e n – ewig wohlgemerkt und zwar in dem Sinne, dass er niemals auf sie herabkoten darf, obgleich er dringendst muss, denn für dieses Privileg war er weder bös‘ genug gewesen noch wollt‘ er mehr vom Teufel wissen.“

Der Reichshofnarr v. Gottes Gnaden

_____

[1] Glossar: Fideismus

[2] Artikel: Demokratie in Vollendung

[3] Artikel: Ethische Begründung der Ablehnung von Kapitalismus und Marxismus

[4] Artikel: Vernichtender Konsens

[5] Enzyklika: Rerum Novarum

[6] a) Deutschland und der 8. Mai 1945 | Backup .PDF „Deutschland-und-der-8-Mai-1945“ | sig: ydf2gedn.cci | b) Bombenterror der Aliierten | Backup .PDF „Bombenterror-der-Alliierten“ | sig: yda6dhpc.cci | c) Churchill und die Milzbrand-Bombe | Backup .PDF „Churchill und die Milzbrand-Bombe“ | sig: y82gr722.cci | d) Die Rechsfinanzreform 1934 | Backup .PDF „Die Reichsfinanzreform von 1934“ | sig: y99lb3sf.cci | e) Fakten der polnischen Politik 1918-1939 | Backup .PDF „Fakten-der-polnischen-Politik-1918-1939“ | sig: y8jbhmvk.cci | f) Der 16-Punkte Plan Hitlers für eine friedliche Regelung des Danzig-Korridor Problems 1939 | Backup .PDF „Der-16-Punkte-Plan-Hitlers-fuer-eine-friedliche-Regelung-des-Danzig-Korridor-Problems-1939“ | sig: y9fc3lme.cci | g) Seit 5 Uhr 45 wird jetzt zurückgeschossen | Backup .PDF „Seit 5 Uhr 45 wird jetzt zurückgeschossen“ | sig: yaux6eqa.cci | h) Wie Roosevelt den Zweiten Weltkrieg vorbereitete | Backup .PDF „Wie Roosevelt den Zweiten Weltkrieg vorbereitete“ | sig: yc7lowze | i) Rotkäppchen | Backup .PDF „Rotkaeppchen“ | sig: y76dg2b9.cci

[7] Sören Kierkegaard, Die Gänseparabel

[8] Syllabus Errorum – deutsch/latein. | Download .PDF

[9] Joh 14,6

[10] Thomas von Aquin, Zitat aus „De Regno“, I, 6: „Wenn keine menschliche Hilfe gegen den Tyrannen gefunden werden kann, muss man sich an den König aller, an Gott wenden [der das grausame Herz des Tyrannen bekehren oder es in einen elenden Zustand versetzen kann]…. Aber damit das Volk diesen Nutzen von Gott verdient, muss es von der Sünde befreit werden, denn zur Bestrafung der Sünden erhalten die Gottlosen mit göttlicher Erlaubnis die Macht, [da es] im Buch Hiob heißt, dass Gott ‚den heuchlerischen Menschen dazu bringt, wegen der Sünden des Volkes zu herrschen‘ (Hiob 34,30) Wir müssen daher den Fehler beseitigen, damit die Wunde der Tyrannei aufhört.“

[11] Joh 15,5

[12] Spr 10,22


HINWEISE

Sie können diesen Artikel unter der Lizenz Creative Commons BY-NC-ND 3.0 frei vervielfältigen unter den vier Bedingungen…

  1. …den Text nicht zu verändern,
  2. die Quelle anzuführen,
  3. den Text nicht für kommerzielle Zwecke zu nutzen,
  4. keine zusätzlichen Klauseln oder technische Verfahren einzusetzen, die anderen rechtlich irgendetwas untersagen, was die Lizenz erlaubt.

Der Autor ist dem Herausgeber bekannt. Der Autor hat unter Auflagen das Exklusivrecht zur Publikation erteilt.

Dieser Artikel wurde erstmals veröffentlicht am 08. Mai 2020 auf www.INTRINSIS.de unter https://intrinsis.de/2020/05/08/gretchens-abschiedsfrage/

PH – 2020-05-03 – 2020-05-07 – 2020-05-08

(c) INTRINSIS.de | PH.TXT.Gretchens-Abschiedsfrage_D | full sig: ydec5sf9.cci | 2020005081028cci


VERWANDTE ARTIKEL

Klerikalismus

Pelagianismus

Häresie Sola Gratia

Das korachitische Ende der Revolution

 

 

 

0 Kommentare zu “Gretchens AbschiedsfrageKommentar hinzufügen →

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.