Charismatism debunked

Über die Ideologie des Charismatismus und den wesentlichen Unterschied zur Kirche

Die Kirche

in der Kirche lebt man als gewöhnlicher, erlösungsbedürftiger Christ, der sich seiner Gaben und seiner Position, seiner Fehler, Schwächen und Sünden und damit seiner Vergebungsbedürftigkeit gegenüber Gott und den Mitmenschen bewusst ist.

Unser Erlöser lebt, dieser ist Jesus, der vom Tode Auferstandene, der die Kirche gegründet hat, es gibt keine andere Kirche, diese Kirche ist der Leib Christi, diese Kirche ist die römisch katholische Kirche. Ihr Glaubensbekenntnis ist unser Glaubensbekenntnis. Wer auch nur einen Teil dieses Bekenntnisses leugnet, gehört nicht zur Kirche, weil er sich durch die Leugnung trennt. - Wer aber das, was Jesus, mithin die Kirche im Glaubensbekenntnis lehrt, verleugnet, der verleugnet auch die Kirche, die Jesus ist!

Das Entscheidende aber ist, daß sich kein Christ über die Gaben definiert, die ihm Gott zugeteilt hat, sondern über das Glaubensbekenntnis. Daher wird er sich nicht als „Charismatiker“ bezeichnen, weil ihm dies als unbotmäßige  Überhöhung über seine christlichen Brüder erscheint und er die daraus folgende Abgrenzung ablehnt. Für ihn sind normales Eingegliedertsein in die römisch katholische Kirche, die hl. Beichte, die hl. Messe und die Unterordnung unter seinen Ortsbischof unabdingbare Voraussetzungen für das Leben im Heiligen Geist und damit Abgrenzung genug gegen die alte Schlange die immer und immer wieder zischt: „Hat Gott wirklich gesagt, du sollst die Kirche hören?“

Charismatismusideologie

Jede Ideologie und das in der Regel mit ihr einhergehende Sektierertum hat stets einseitige Übertreibung eines, aus einem grossen, ursprünglich wahren Zusammenhang herausgetrennten und in seiner Bedeutung überhöhten und schliesslich isolierten Einzelaspekts als Merkmal.

Im Falle des Charismatismus ist die Charakterisierung und Identifizierung der Ideologie sehr einfach:

Charismatismus ist jene Ideologie, nach der das von ihr befallene Opfer immer recht hat, d.h. es irrt sich nie. Keine noch so offensichtliche Beweislage würde es von seinem Irrtum überzeugen.

Charismatisten interessieren sich nicht für das Urteil der Kirche, gehorchen keinem Bischof und auch sonst niemandem, weil sie wähnen, es reiche aus, für jede ihrer Handlungen die Begründung in der Bibel („Sola Scriptura“) und in der „Rechtfertigung allein aus dem festen Glauben an die Gnade“ („Sola Gratia„) parat zu haben.

So ist sich jeder Charismatist sein eigener „Papst“, sein eigenes „Lehramt“, sein eigener biblischer „Exeget“ und meint sich daher als „Inquisitor“ gegenüber seinen Mitmenschen betätigen zu müssen, selbstverständlich nur zu deren vermeintlichen „Heil“.

Da der Charismatismus im Grunde aus dem Protest gegen die Kirche geboren ist, mithin aus dem protestantischen Umfeld stammt, muß angenommen werden, daß es sich dabei um eine weitere Mutation des WASP handelt (White Anglo-Saxonian Protestantism).

Das Erfolgsrezept des Charismatismus besteht in der Rekrutierung durch „Exorzierung“ von Multiplikatoren im Rahmen etablierter, charismatistischer, semiöffentlicher Initiationsriten - stets mit der abschliessenden Sicherungsformel „im Namen Jesus“ um den Anschein zu erwecken in höherem Auftrag zu handeln - in Wirklichkeit gemeint ist aber ihr eigener Name, denn die römisch katholische Kirche, die ja der Leib Christi ist, lehnen sie unisono ebenso ab, wie den Papst, der von ihnen mal als „Antichrist“ mal als „falscher Prophet“ bezeichnet wird.

Charismatisten maßen sich oft Ämter an, die dem Klerus vorbehalten sind. Die sich daraus ergebende Nachäffung von der Kirche vorbehaltenen Riten ist für sie eine „Tugend“. Deshalb sind Messsimulationen, Simulationen von Exorzismen und Firmsimulationen an der Tagesordnung.

Oft wird Kritik an einem Charismatisten auch als so genannter „dämonischer Angriff“ gewertet. Besonders renitente Kritiker werden unisono als „dämonisch besessen“ abgestempelt.

Falls der „Besessene“ nicht umgehend den „Demut“ bezeugenden Kotau macht und sich freiwillig und kniend vom Charismatisten „exorzieren“ lässt, wird er von demselben „gebannt“ und dem „Satan“ übergeben, vorgeblich „streng“ nach dem „Wortlaut der Bibel“ (Sola Scriptura).

- bild - ( Luna Park, Buenos Aires: Erfolgreich durchgeführtes charismatistisches Unterwerfungsritual - hier ist das Opfer ein katholischer Erzbischof)

Die hohe Wahrscheinlichkeit besteht, daß der nunmehr „gereinigte“, im Sinne des Charismatismus „initiierte“ „Exorzierte“ die katholische Kirche in ihren drei Säulen (in ihrer Exegese, in ihrem Lehramt und in ihrer Tradition) zumindest in zunehmendem Zweifel beargwöhnt.

Die Hybris des Charismatisten ist gegründet auf dem ihm intrinsisch innewohnenden Protest gegen alles, was genuin kirchlich ist. Die Hybris besteht - ganz in lutherischer Manier - darin, dass sich der Charismatist wähnt, sich nur von „Gott allein“ etwas sagen lassen zu dürfen - seine Rechtfertigung „allein aus Gnade“ ist „lupenrein“ lutherisch also aus dem Protest gegen die Kirche geboren.

Aus dem Protest gegen die kirchliche Deutungshoheit und der daraus folgenden Orientierungslosigkeit erklärt sich auch sein permanenter Suchzwang nach sinnlich erfahrbaren Zeichen und Eindrücken, hervorgerufen z. B. durch schöne, vorgeblich „geistgewirkte“ Musik, nach „Erscheinungen“, nach äusseren „Zeichen“ und „Wundern“, nach frenetisch beklatschten Zustimmungsbekundungen.

Gesunder Menschenverstand, Vernunftgründe, Philosophie, Scholastik, Logik und Dialog sind dem Charismatisten ein Gräuel. Er behauptet gleichlautend mit dem Fideismus [1], dass Glaube der katholischen Kirche nichts mit Vernunft zu tun hätte, ja dass Vernunft gar der Feind des Glaubens der Kirche sei.

Manche, vorgeblich „besonders begnadete“ Charismatisten behaupten „Stimmen“ zu hören oder „Erscheinungen“ von „lichtvollen Gestalten“ zu haben, woraus sie guruähnliche Deutungshoheit und ihr „Lehramt“ ableiten.

In erster Linie aber erweisen sie sich als „Gurus“, als Sender eigener Hybris und in zweiter Linie als Empfänger der Opfergaben der von ihnen unterworfenen Adepten. Nicht selten entwickeln sie hypnotisch-suggestive Fähigkeiten.

Intellektuell auf den Zahn gefühlt, besteht deren „Lehramt“ lediglich in wirren, mehr oder weniger zusammenhängenden Erzählungen von „Erlebnissen“, in „Bekehrungserfahrungen“, die sie als „Zeugnisse“ betiteln sowie in Behauptungen aufgrund angeblich „höherer Eingebung“ in Kombination mit einer Rezitationskanonade von Versen aus der Lutherbibel.

Gewöhnliche Charismatisten sind beständig auf der Suche nach Weisung durch von ihnen selbst anerkannte charismatistische Gurus wegen ihrer eigenen, zunehmenden Orientierungslosigkeit und der daraus folgenden Unfähigkeit selbst verantwortete Entscheidungen zu fällen.

Im Endstadium sind sie dem Wahn verfallen, daß alles richtig sei, was ihnen gerade so ad hoc einfällt - von aussen betrachtet, bietet sich also ein deutlich pathologisches Bild.

Dem protestantischen Charismatisten ist das Gewöhnliche, das Kleine, Behinderte, Kranke, Arme und Mittellose suspekt, weil es seiner Überzeugung nach nicht „göttlich“ sein kann.

Reichtum, Gesundheit grosse Autos und besonderes Herausgehobensein sind für ihn  Zeichen für „Göttlichkeit“ mithin „Gottes Segen“ und Ansporn, seinen Wahn bis zum Exzess privater Simulationen von Dämonenaustreibungen Dritter (und hierdurch deren erzeugte Abhängigkeit, s.o.) weiterzutreiben. Dadurch aber wird er selbst unmerklich abhängig von seinen eigenen Klaqueuren, ähnlich wie Schauspieler vom Beifall ihrer Fans süchtig werden - buchstäblich gefangen in einem sich immer schneller drehenden Teufelskreis  exzentrischer Erlebnis- und Bestätigungs-Thrills.

Beim katholischen Charismatismus verhält es sich ähnlich, jedoch unter umgekehrten Vorzeichen: das Gewöhnliche, Kleine, Behinderte, Kranke, Arme und Mittellose mutiert zum politischen Propagandainstrument gegen eine angeblich zu mächtige Kirche, von der man sich zu befreien sucht (Befreiungstheologie).

Dem katholischen Charismatismus sind Reichtum, grosse Autos und Immobilien suspekt und daher zelebriert er zur Schau getragene Armut, fährt mit dem Fahrrad oder mit dem Bus obwohl er das Auto benutzen könnte. Damit beweist er, dass auch ihm Äusserlichkeiten wichtig sind: auf diese Weise setzt er irrigerweise Armut mit Demut gleich, was für ihn wiederum Zeichen für „Göttlichkeit“ mithin „Gottes Segen“ und Ansporn ist, seinen Irrtum zum Zwecke der Förderung seiner Ideologie zu intensivieren.

Dass Gott durch andere Menschen und Umstände und durch die sehr leise Stimme ihres schlechten Gewissens beständig spricht, lehnen Charismatisten ebenso ab, wie das katholische Lehramt, den Katechismus und die Vernunft - schlechtes Gewissen ist Charismatisten fremd.

Charismatisten verstehen sich niemals als Sünder, weder vor Gott, noch vor den Menschen, sondern stets als „Heilige“ (fast möchte man sagen, näherhin „Götter“) und sind von daher überzeugt, daß die ganze Welt mit ihrer Interpretation der „götter“gleichen „Heiligkeit“ beglückt werden müsse. Daraus erklärt sich ihre rege Missionstätigkeit …und auch ihr Teilerfolg. Ihre Früchte sind aber dennoch meist Heuchelei, Zorn, Streit, Spaltung und Kirchenaustritt, für den sie zur erforderlichen Rechtfertigung selbstverständlich passende Gründe in der Bibel vorlegen.

Sünder, das sind immer die anderen (Nichtcharismatisten). Deren Sünde besteht im Grunde in der Renitenz gegen ihre Lehren, in der Verweigerung des Kotaus. Für Charismatisten ist dies zum einen Grund genug, sich von „Sündern“ trennen zu müssen und zum anderen der missionarische Hebel um sie, falls möglich, doch noch von sich abhängig zu machen, mit dem angeblichen Ziel sie ebenso „heilig“ zu machen, wie sie es selber sind - tatsächlich aber, um wenigstens Einfluss zu deren Bestem zu gewinnen, im günstigsten Fall, um deren Finanzen in die eigene Tasche oder in die Tasche ihres Gurus umzuleiten, denn, wer das „befreiende Evangelium“ verkündet, hat (laut sola scriptura) Anspruch auf Lohn - das sei der so genannte „Zehnte“ (10% des Einkommens).

Sogenannte „katholische“ Charismatisten ahmen zwar gerne einige Besonderheiten der Kirche nach, dies tun sie aber nicht, weil sie die Kirche hören wollen, sondern weil sie der Überzeugung anhangen, dass die Kirche in so ziemlich allem, was sie lehrt, falsch läge.

Besonders smarte Exemplare bilden sich sogar höheren Sendungsauftrag ein, stemmen sich gegen die drei Säulen der Kirche, mithin gegen den Bischof oder versuchen, ihn auf ihre Seite zu ziehen um so die Kirche von innen her charismatistisch zu unterwandern und in ihrem Sinne zu „heiligen“.

Manche  „gehorchen“ sogar gewissen „Erscheinungen“, die sie in ihrem Protest gegen die Kirche, namentlich gegen den Ortsbischof, bestärken (Vgl. „Causa Medjugorje“). Wieder andere machen sich kirchlich schon seit langem verurteilte Irrtümer („Syllabus Errorum“) zum Programm („Modernismus“) um die Lehre der Kirche in ihrem Sinn zu transformieren, angeblich um sie „wiederherzustellen“ und auf dieser Grundlage die Deutungshoheit innerhalb der Kirche nach und nach zu übernehmen. Einige bilden Zirkel mit eigener Langzeitagenda (bekanntes Beispiel: „Katakombenpakt“, 1965).

So entpuppt sich der Charismatismus als militante Spielart des Protestantismus in einer perfiden Synthese aus Fideismus [1], Klerikalismus [2] und Faschismus [2].

PH

[1] Prof. Bautain unterschrieb den Satz wider den Fideismus zugunsten der Vernunft. Er lautet: „Der Mensch kann aus der Beobachtung der Natur und durch schlussfolgerndes Denken mit Sicherheit die Existenz Gottes beweisen.“  (siehe Artikel „Der Grammatische Gottesbeweis„) Dieser Satz ist enorm wichtig, da er die Basis zur Auseinandersetzung mit dem Rechtspositivismus ist und konsequent zur Neutralisierung seiner Ursachen (Fideismus und Modernismus) zu führen vermag!  (vgl. Widerruf von Prof. Bautain gegen den Fideismus zugunsten der Vernunft. Rahner/Vorgrimmler, „Kleines Konzilskompendium“ 23. Auflage 1991)

[2] Definition Klerikalismus und Faschismus im Artikel „Klerikalismus

ANHANG

Charismatismus Beispiel 1

Ein Charismatist (Bauunternehmer*) hat mir einmal voller Stolz erklärt, dass ihn sogar ein Bischof gefragt hätte, ob er nicht katholischer Diakon werden wolle. Er habe aber abgelehnt. Auf meine Frage warum er denn abgelehnt habe, antwortete er (O-Ton): „Dann müsste ich ja dem Bischof gehorchen!“  Einen seiner charismatistischen Epigonen brachte er später dazu, sein bisher erfolgreiches,  millionenschweres High-Tech Unternehmen mit Sitz in Bayern beinahe an die Wand zu fahren, wenn nicht einige vernünftige Vorstandsmitglieder den Paragraphen 133 HGB auf ihn in seiner Eigenschaft als CEO und Vorstandsvorsitzenden angewandt hätten - das Ende vom Lied für ihn und seine Familie war Hartz4. Der Bauunternehmer selbst aber hinterliess nach seinem frühen Tod seinen Kindern einige Mio EUR private Schulden, darin enthalten eine offene Rechnung in Höhe von mehreren Hunderttausend EURO für ein Luxuswohnmobil mit blauen Wildledersitzen. Seinem Sohn als Firmennachfolger hat er ebenfalls Millionen Firmenschulden hinterlassen, die diesen schliesslich zur Insolvenz gezwungen haben.

Charismatismus Beispiel 2

Eine Charismatistin (Opernsängerin) habe ich einmal gefragt, ob sie sich schon einmal geirrt hätte. Ihre Antwort kam schnell, präzise und abweisend: „Nein, nie!“ Just ab diesem Moment war der Kontakt abgebrochen. Kontaktversuche meinerseits wurden übertrieben freundlich abgewiesen.

*Namen sind dem Autor bekannt


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Dieser Artikel wurde erstmals veröffentlicht am 20. November 2019 auf www.intrinsis.de unter ../START.html/charismatism-debunked

PH - 2015-10-17 - 2017-03-07 - 2017-04-08 - 2017-04-13 - 2019-11-20 - 2020-01-21 - 2020-03-08

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