Stell dir vor, die Gänse hätten auch ihren Gottesdienst. Jeden Sonntag kämen sie zusammen, und ein Gänserich predigte. Der wesentliche Inhalt der Predigt wäre: welch hohe Bestimmung die Gans habe, zu welch hohem Ziel der Schöpfer - und jedes Mal, da dies Wort genannt würde, knicksten alle Gänse und alle Gänseriche dienerten - die Gans bestimmt habe; mit Hilfe der Flügel könnten sie fortfliegen zu fernen Gegenden, seligen Gefilden. So jeden Sonntag. Und darauf trennte die Versammlung sich, jede watschelte heim zum eigenen Herd.
Und dann wieder am nächsten Sonntag zum
Gottesdienst und dann wieder heim - dabei bliebe es, sie gediehen und
würden fett, drall und delikat - und dann würden sie am Martinstag
verspeist - dabei bliebe es.
Denn während die Predigt am Sonntag so feierlich lautete, wussten die
Gänse am Montag einander zu erzählen, wie es einer Gans ergangen sei,
die Ernst habe machen wollen mit Hilfe der Flügel, die der Schöpfer ihr
gegeben habe, bestimmt zu dem hohen Ziel, das ihr gesetzt sei, wie es
ihr ergangen sei, welche Schrecknisse sie habe erdulden müssen.
Auch fanden sich unter den Gänsen einige einzelne, die leidend aussahen, mager wurden. Von ihnen hieß es unter den Gänsen: da sieht man, wohin es führt, wenn man mit dem Fliegen-Wollen Ernst macht. Denn weil sie sich in ihrem stillen Sinn mit dem Gedanken, fliegen zu wollen, beschäftigen, deshalb werden sie mager, gedeihen nicht, haben Gottes Gnade nicht, wie wir sie haben und deshalb drall, fett und delikat werden, denn von Gottes Gnade wird man drall, fett, delikat.
Und am nächsten Sonntag gingen sie dann wieder zum Gottesdienst, und der alte Gänserich predigte von dem hohen Ziel, wozu der Schöpfer (hier knicksten die Gänse, und die Gänseriche dienerten) die Gans bestimmt habe, wozu die Flügel bestimmt seien. …“
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Exzerpt aus Sören Kierkegaard, Tagebuch, 3.12. bis 12.12.1854 in „Wo ist das Christentum - Sören Kierkegaard neu gelesen“ von Ludwig Weimer, ISBN 3-932857-43-7